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Liebfrauenkirche Arnstadt (um 1920)
Liebfrauenkirche Arnstadt
(um 1920)
Der Baumeister und sein Geselle

Wer an den beiden Westtürmen der Amstädter Liebfrauenkirche emporblickt, dem fällt beim genauen Hinsehen ihre verschiedenartige Ausführung auf. Die Fachleute setzt das nicht in Erstaunen, und sie sind rasch mit der rechten Erklärung zur Hand, indem sie auf das unterschiedliche Alter der Türme verweisen. Aber das Volk ist mit nüchternen Beweisführungen allein kaum zufriedenzustellen. Es hält an bestimmten Merkwürdigkeiten fest und macht sich gern seinen eigenen Reim auf die Dinge. So auch im Fall der beiden Türme.

Am vorderen erblickt man hoch oben einen sich herabbeugenden Mann und einen Hund, von denen die geschwätzige Sage folgendes erzählt:

Ein alter, bewährter Meister war mit der ehrenvollen Aufgabe des Turmbaues betraut worden. Er hatte einen jungen, begabten Gesellen, der überglücklich war, als ihm der Meister die Ausführung des vorderen Turmes übertrug. Mit Feuereifer ging er an die Arbeit, um sich der Auszeichnung würdig zu erweisen.

Das Werk der beiden wuchs zusehends, und das staunende Volk erlebte einen Wettstreit, der die ganze Stadt in Atem hielt. Schlicht und fest erhob sich der Turm des Meisters, sparsam mit Ornamenten geschmückt. Aber der Geselle stand ihm in nichts nach, und mit zunehmender Dauer war für alle erkennbar, daß der Gesellenturm insgesamt zierlicher ausfallen würde.

Das Großartigste leisteten die zwei bei der Gestaltung der oberen Turmgeschosse. Der Meister lockerte sein Werk durch eine Galerie und einen Kranz von Giebeln auf, um es dann in einer kraftvoll hochgezogenen achtseitigen Spitze ausklingen zu lassen. Der Geselle folgte im Großen dem Beispiel des Meisters. Allerdings war sein Turm von Anfang an achteckig. Mit der fortschreitenden Arbeit gewann er immer mehr an Selbstvertrauen. Er ließ den ganzen Reichtum seiner Phantasie in das Werk einfließen und erreichte bei der Gestaltung der letzten Turmgeschosse und des Daches eine Leichtigkeit und Lockerheit, die alles bisher Dagewesene übertraf.

Die Leute standen immer wieder bewundernd vor den beiden Bauwerken, und wenn sie auch dem Meister zunächst das gebührende Lob nicht versagten, so wurde doch mehr und mehr der Geselle zum gefeierten Helden. Vielleicht ahnten sie, daß er mit seiner Kunst eine Tür aufgestoßen hatte. Für den alten Meister aber war die Bevorzugung des Gesellen eine herbe Enttäuschung. Nach außen ließ er sich nichts anmerken, doch die fortwährenden Loblieder auf den Kontrahenten verbitterten sein ganzes Wesen. Der Geselle ahnte von alledem nichts. Fröhlich und liebenswürdig ging er unter den Leuten umher, stets begleitet von seinem treuen Hündlein und freute sich mit der Unbekümmertheit des Arglosen seines Erfolges. Das Herz des Meisters aber füllte sich mit giftigem Neid, der Quelle so vielen Übels.

Die Arbeiten waren längst abgeschlossen, doch der Geselle wartete vergeblich auf seinen Lohn. Als er ihn endlich nachdrücklich verlangte, antwortete ihm der

Meister: "Dein Turm ist wohlschön geraten, aber einen großen Fehler besitzt er doch; den werde ich dir oben zeigen." Sie stiegen beide hinauf, und der Geselle beugte sich weit aus dem Fenster, um den angeblichen Fehler zu entdecken. Auf diesen Augenblick hatte der haßerfüllte Meister gewartet. Mit den höhnenden Worten: "Hier hast du deinen Lohn!" stieß er den ahnungslosen Gesellen heftig hinaus, daß der aus schwindelnder Höhe hinabstürzte und auf dem Pflaster zerschmettert liegenblieb.

Das winselnde Hündlein des Gemordeten aber sprang ohne Zögern seinem Herrn nach und blieb ihm wie im Leben so auch im Tode treu zur Seite.

Einen Anklang an dieses Geschehen kann der aufmerksame Besucher im Kircheninneren entdecken, wenn er die Kapitelle der Säulen nahe dem Hochaltar genau betrachtet. Hier findet sich eine auf den Kopf gestellte männliche Figur mit emporgeworfenem oder emporwehendem Gewand und im Laubwerk daneben der Kopf eines Hundes.

Nach Joh. Chr. v. Hellbach sind die in der Sage erwähnten Gebilde am Nordwestturm eine Anlehnung an diese Skulpturen im Chor.

Entschieden wendet er sich in seiner 1821 herausgegebenen Schrift über die Liebfrauenkirche und das Jungfrauen-Kloster gegen den Versuch des berühmten kaiserlichen Hofrates Joseph von Hammer, ganz bestimmte Darstellungen in und an der Liebfrauenkirche als templerische, mystisch-gnostische Monumente zu deuten. Auch ein uralter, mächtiger, eisenbeschlagener Schrank hatte den Gelehrten zu gewagten Vermutungen inspiriert. Der Zug seiner kunstvollen Ornamente ergebe nach allen Seiten hin die Initialen WM, was auf die Mete der Gnostiker hinweise, heißt es in der Erläuterung des Herrn Joseph v. Hammer.

Es würde zu weit führen, hier all den unterschiedlichen, widersprüchlichen Auslegungen nachzugehen. Auch sollte keiner der heutigen Besucher der Verlockung nachgeben, in den an der Nordwand des Langhauses aufgestellten Schrankteilen das erwähnte mysteriöse Möbel zu vermuten. Wenngleich dort mit Hammerscher Phantasie durchaus die genannten Züge herauslesbar sind, stammt die prächtige Arbeit doch aus dem 19. Jahrhundert. Vom großen Sakristeischrank, den J. v. Hammer und J. Chr. v. Hellbach beschrieben, ist nichts geblieben. Die letzte Schranktür ging nach Abschluß der gründlichen Gesamtwiederherstellung der Liebfrauenkirche (1880-1894) mit dem Leiter der Arbeiten, Hubert Stier, nach Hannover.

Für die Sage war der Schrank als geheimnisvolles Behältnis interessant, was die nachfolgende Begebenheit verdeutlicht.



Quelle: Josef Czerny und Peter Unger - Gelb blüht die Wunderblume - Sagen und Überlieferungen aus dem Arnstädter Gebiet (1987)
Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.